Wie das Kloster Ilfeld entstand

Sagen vom Harz, 1926, Hans Trautner, Magdeburg Otto Lindner-Verlagsbuchhandlung

ilfeld-historie-kloster-gemaelde Auf dem Bielsteine im Behrtale lebte einst Graf Elger von Raub, Mord und Plünderung. Die Lage seiner Burg am Eingang ins Gebirge war seinem bösen Tun günstig, auf allen Berghöhen umher hatte er seine Späher aufgestellt und wer aus der Ebene von Nordhausen her in den Harz wollte, musste unrettbar in seine erbarmungslosen Fänge geraten. So zog auch einst Graf Konrad von Beichlingen, der ein Sohn des weltberühmten und beliebten Grafen Otto von Northeim war, mit nur wenigen reisigen Mannen durch die schmale Harzpforte, um nach der Väter Erbe zu gelangen.Das Raubtier kam vom Bielsteine herab und erschlug den Grafen Konrad mit seinen Mannen. Die Untat schrie zum Himmel; das Blut der verruchten Tat sickerte durch die Erdritzen und Felsspalten und tropfte den Erdgeistern, die zu harmloser Kurzweil in stattlicher Zahl in ihrem Hauptgewölbe versammelt waren, aufs Haupt- und Barthaar. „Nun ist das Maß des Schändlichen voll!“ tönte es in der Runde. Emsig liefen alle hin und her und verschwanden mit Haken und Leitern in den Auffahrten nach der Erde.

Ein furchtbares Donnern lief unter der Erde hin und mit Rucken und Schieben setzte sich die felsige Erdkruste in Bewegung, dass gewaltige Felsmassen zu Tal stürzten. Der ruchlose Mörder sah von seiner Burgzinne auf dem Bielstein, wo er glaubte , sicher zu sitzen, mit starrem Entsetzen das Flüßlein im Tale schwellen. Mit Zischen und Brausen trat die Behre weit über die Ufer und schwemmte über das Raubnest dahin. Alle Wege waren wild versperrt. Nur eine schmale Öffnung, einem Nadelöhr ähnlich, blieb zum Durchschlupf auf die andre Seite des Tales frei.Da brach Graf Elger mit knirschender Scham und Verzweiflung zusammen und gelobte, an dem Orte seiner letzten Freveltat ein Kloster zu bauen. Da er dies Versprechen hielt, trat die Behre wieder in ihre Ufer zurück, ebneten sich die Wege, wie wir sie heute kennen. Das Kloster kam zu einem guten Ruf und stiftete viel Segen für Land und Leute viele Jahrhunderte lang. Das Nadelöhr aber blieb und hat einen volkstümlichen Brauch verursacht, der heute noch Anhänger findet.Kommt dort ein Knecht vorbei, ins Holz zu fahren so ergreifen ihn die andern, dass er sich durchs Öhr zwänge, währenddessen dürfen sie den Kriechenden verprügeln. Das muss er dreimal hintereinander durchführen, um dann später mithauen zu dürfen, falls sich wieder ein neuer Knecht einzuführen hat. Falls einer diese Prozedur scheut, kann er sich loskaufen mit barem Geld, in das sich die zünftigen Knechte teilen.Wer wird nicht jenes Nadelöhres gedenken, von dem die Schrift sagt, dass eher ein Kamel hindurchgehe, denn ein Reicher ins Himmelreich. Die Pforte am Ausgang aller irdischen Dinge muss demnach doch eine sehr enge sein, wo aber der arme Knecht, der sich durchs Ilfelder Nadelöhr musste durchprügeln lassen, sicherlich noch am ehesten durchschlüpfen wird, während dem Reichen sein Lösegeld wohl nichts mehr nützt.

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