Die Sage vom Gänseschnabel
Wie das Kloster Ilfeld entstand
Das Nadelöhr
Die Jungfer von der Ilburg
Wie der Harz fündig wurde
Wer der Bergmönch früher war
Der Bergmönch lässt sich sehen
Die Geister im Clausthaler Berg
Der Zwergenkrieg
Die vertauschten Schuhe
Der Jäger in der Altenau
Die Schatzgräber von Harzgerode
Der Förster und die Venediger
Der Venezianer und der Oberförster
Der Lohn der Venediger
Das wundersame Geschenk
Des Venedigers Prophezeiung
Venediger am Brocken

Über die Walen und Venetianer

Bergmannssagen aus dem Harz, VEB Deutscher Verlag für Grundstoffindustrie Leipzig

In den meisten deutschsprachigen Bergbaugebieten erzählen Sagen von Fremden, die durch das Gebirge streifen und nach Erden und Steinen suchen, die den Einheimischen wertlos erschienen. Sie waren ärmlich gekleidet und trieben oft einen Hausiererhandel. Diese Männer nennt die Sage Walen oder Venetianer, teilweise auch Venediger oder Slovaken. Sie wurden in der Regel nicht bergmännisch tätig, wie alle Fremden, zunächst erst einmal misstrauisch beobachtet. Ihr heimliches Tun, dass jedoch von Jägern, Förstern, Köhlern und Hirten der Sage nach bemerkt und verfolgt wird, machte sie besonders verdächtig. Bergleuten aus dem Harz musste klar sein, dass so etwas nicht „mit rechten Dingen“ zugehen konnte. War doch jedem nicht nur erlaubt, nach Erz zu suchen, sondern jeder war nahezu dazu aufgefordert. Auch durfte jeder die gefundene Lagerstätte muten. Wer dies „der Ordnung“ gemäß tat, sich ins Bestätigt-Buch eintragen ließ, bekam Sicherheit, Recht und gnädige Privilegien. Was wollte man mehr!
So ganz planlos, scheint es, war aber das Herumstreifen der Walen nicht. Sie kamen, wie die Sage erzählt, manchmal allein, aber auch zu zweit oder zu dritt und nahmen für eine gewisse Zeit Wohnung bei Einheimischen. Mitunter ließen sie sich auch von diesen zu bestimmten Plätzen in der Landschaft führen und gaben ein kleines Stück ihres Geheimnisses preis. Meist aber waren sie wenig gesprächig und ließen sich ungern bei ihrem Tun beobachten. Es geschah, dass der eine oder andere Wale regelmäßig jedes Jahr wiederkam. Der Johannistag als Schatzhebe- und Wundertag spielt dabei eine besondere Rolle. Das alles zusammen wurde nachdenkenswert – und blieb es bis heute.
Seltsame Zeichen und Bilder, ins Gestein gehauen oder in Bäume geritzt, konnten doch wohl nur von diesen Fremden stammen. Woher nahmen sie ihr Wissen, wenn sie sich so zielsicher in ihnen unbekannten Gegenden bewegten? Vielleicht verfügten sie über nur ihnen bekannte Aufzeichnungen, über Walenbücher. Auch kamen und verschwanden sie, ohne dass man ihre Wege kannte, jemals ihr Reisegefährt sah. Das konnte doch wohl nur Zauber sein! Für manche Zuhörer mochten allein diese Schilderungen aufregend genug sein, um sich an andere Sagen zu erinnern, in denen es ganz ähnlich zuging. Von Reisen durch die Luft war da die Rede, von Wochen und Monaten, die wie ein Tag erschienen, von herrlichen Palästen, erlesenen Speisen, goldenen Tieren und unermesslichen Schätzen. Von märchenhaften Schätzen wissen in den Sagen auch diejenigen zu berichten, die von den Venetianern belohnt wurden.
Es gibt in den Walen-Sagen aber vielfach auch Einzelheiten, die darauf spezialisierte Sagenforscher genau untersucht haben. So schlussfolgern sie beispielsweise auf Grund von Vergleichen, dass nicht allein die Phantasie des „Bergvolkes“ diese Sagen über die geheimnisvollen Fremden hervorgebracht habe, sondern auch konkrete Tatsachen zur Herausbildung derselben beigetragen haben, Tatsachen, deren tatsächliche Ursachen in späteren Jahren nicht mehr bekannt waren und den Walen zugeschrieben wurden. So könnten beispielsweise Mönche des Klosters Celle ihre Fundorte mit entsprechenden Zeichen versehen haben. In den Stein gemeißelte Bilder von Mönchen mit Keilhauen wären dann ursprünglich Markierungen oder Rechtssymbole gewesen, die erst später in Walenzeichen umgedeutet wurden. Andere wiederum möchten den Ursprung dieser Sagen in eine mythenreiche Vorzeit verlegen oder lassen an volkstümliche Darstellung antiker Fabeln denken.
Für den Harz und das Mansfelder Land ist schließlich noch bemerkenswert, dass sich die Walen nicht nur als kenntnisreiche Finder und Sammler, sondern auch als erfahrene Aufbereiter und Schmelzer in den Sagen ausweisen. Das lässt zu, dass man auch diese Sagen in den Zusammenhang mit den Sagen über Künste, d. h. Wissenschaft und Technik, stellt.